Prozesserklärung 28.01.2026

Ich möchte noch einmal etwas zu dem ganzen Verfahren und der Dondorf Druckerei
als solches sagen:


Würde man die Frage stellen, ob ihr schonmal dadurch geweckt wurdet das man euch schlug und anschrie, würde ich behaupten, dass die allermeisten Menschen diese Frage mit Nein beantworten. Doch 8 Menschen können dieses Nein leider nicht geben, denn bei ihnen heißt es ohne Zweifel: Ja. Ja wurden sie, in so frühen Morgenstunden das es noch Stockdunkel war. Ja wurden sie, in so eisiger Kälte das sie die Tage zuvor stundenlang Macarena tanzten damit ihnen nicht die Fußzehen abfroren. Ja wurden sie, nachdem die Polizei sich mehr als 115 Stunden lang nicht nur geweigert hat Wasser und Essen zu ihnen hoch zu lassen, sondern auch noch jeder Versuch ihrer Freundinnen diese Versorgungsblockade zu umgehen niedergeknüppelt oder mit größter Mühe verfolgt wurde. Ja wurden sie, nachdem ihnen vier Tage lang jegliche Privatsphäre, selbst beim Klogang, verwehrt wurde. Solche Erlebnisse sind nicht so leicht zu vergessen.

Ein Schritt zurück von den Albtraum-reifen Zusammenkünften an psychischen und körperlichen Gewalttaten zeigt eine Begründung, die einen fast noch mehr schaudern lässt. Die Begründung für diese Gewalt ist nämlich der Schutz der Eigentumsverhältnisse an einem zuvor leerstehendem Gebäude. Hier wurde die Verteidigung von wer offiziell über ein Leerstand bestimmen darf über das grundlegende körperliche Wohlergehen derer, die ihn als öffentlichen Kulturraum genutzt sehen wollten, gestellt. Hier wurde der Wille derer, die ein über 100 Jahre altes Stück Stadtgeschichte verrotten ließen und dann abreißen wollten, mit Zwang über den Wert der Menschen, die dessen historische Bedeutung ins öffentliche Auge rückten gestellt. Im Kern hat das Land Hessen gezeigt „Hey, uns ist das Besitzverhältnis eines Leerstands wichtiger, als die Leben der Leute die es nutzen. Als Beweis haben wir sie raus prügeln lassen. Gleich dreimal.“

Absurder wird das ganze nur, wenn man sich mal anschaut was aus dem ganzen geworden ist: Das Gebäude, die Dondorf Druckerei, steht noch. Nach einer Sanierung, wofür ganz plötzlich doch das Geld da war, haust jetzt erstmal die Schirn dort. Das Land Schmückt sich mit diesem Ergebnis, zeigt sich stolz und zufrieden, als seien sie schon immer ein Lösungsorientierter Verhandlungspartner im Schicksal der Dondi gewesen. In geschmacklich ähnlichem Stil wird mit biegen und brechen versucht sich durch das vertuschen der jüngsten Haus-Historie aus dem negativem Licht zu schleichen. So wird beispielsweise statt der Rettung durch die Zivilgesellschaft von einem „Glücksfall“ gesprochen. Dieser Hinterlistigkeit schließt sich die Goethe Universität, in ihrer Verweigerung die Strafanträge zurückzuziehen, an. Nicht nur wird sich der Gewinn, also den Erhalt der Dondi, der durch die Besetzungen mühsam erkämpft wurde auf die eigene Fahne geschrieben, sondern es wird sich bei den Besetzerinnen mit Gerichtsprozessen bedankt. Die Menschen, die letztendlich ihre Kraft und Zeit in ein Projekt gesteckt habe mit dessen Ergebnis alle Glücklich sind, werden also nicht nur gekonnt ignoriert, sondern sollen jetzt auch noch Bestraft werden. Eine absolute Frechheit, nicht zuletzt vor einer Woche aufgezeigt durch eine Schuldsprache über eine fünf Tägige polizeilichen Belagerung nach kaum über einer Stunde Verhandlung.

In der Schule wird uns beigebracht, dass wir in einer Demokratie leben. Mindestens mal auf Stadtpolitischer Ebene spielen sich jedoch äußerst undemokratische Szenen ab. Dieser Zustand, dass die Leute die gewählt wurden garnicht nach dem Handeln was die Wähler wollen, wird meistens einfach hingenommen. Elegant ausgedrückt hat dies letzte Woche eine Besetzerin: „Es offenbart sich ein abstruses Demokratie-Verständnis; eines, in dem Autorität regiert, und in dem die Menschen vor dieser Autorität zu kuschen haben. Und wenn sie es nicht tun, ihren Unmut über Entscheidungen auf die Straße tragen, dies unterbunden und geächtet werden sollte.“

Die Autorität auf die hier Bezug genommen wird, also die Menschen die es letztendlich Vertraglich Entscheiden dürfen ob ein Haus stehen bleiben darf oder geräumt wird, sind aller Eindrücke nach nur beeinflussbar durch Geld. Es ist egal was die Nachbarschaft möchte und für was sich Bürgerinnen einsetzen. Hört eine Regierungsebene ihnen doch mal zu, wird einfach aus der nächsten ein Machtwort gesprochen. Es kristallisiert sich heraus: außer wir erkaufen es uns dürfen wir unsere eigene Stadt nicht mitgestalten.

Die Dondorf Druckerei wurde, neben dem Erhalt des Gebäudes, mit dem Ziel eines nichtkommerziellen Kulturzentrums besetzt. Die dringende Notwendigkeit eines solchen Raumes ist ganz aktuell weiterhin nicht, oder eher noch weniger als im Jahr der Besetzungen, abzusprechen. Es gibt in unserer Stadt kaum bis gar keine Orte wo Menschen zusammenkommen können, erst recht keine ohne Konsumzwang. Das bedeutet in Zeiten wo selbst eine Limo nirgends für unter 3 Euro verkauft wird, schlichtweg einen Ausschluss aus großen Bereichen der Stadtgemeinschaft für die die sich das einfach nicht leisten können. Zugang zu Kulturzentren und -veranstaltungen ist aufgrund hoher finanzieller Barrieren ein für viele schon garnicht mehr denkbarer Luxus. Eine Kunstausstellung zu besuchen, beispielsweise eine der Schirn kostet für eine Person 12 Euro. Ein Film im Kino schauen kostet circa 14 Euro. Eine Konzertkarte für unter 30 Euro zu finden ist quasi nicht möglich und der regelmäßige Besuch eines Tanzkurses kostet aufwärts von 40 Euro monatlich. All diese Veranstaltungen konnten während der Dondi- Sommerbesetzung völlig kostenfrei besucht werden. Im durchdachten Nutzungskonzept dass vom Besetzer-Kollektiv veröffentlicht wurde kann man nachlesen was alles an verschiedensten gemeinschaftlichen Events und Aktivitäten die Räumlichkeiten hätten hergeben können. Von einer Fahrrad Selbsthilfewerkstatt über Chorproben bis zu den Kunstateiliers ist eigentlich für jeden etwas dabei. Die dezentrale Organisation, beziehungsweise das einfach viele dieser Ideen daher kamen, dass bereits existierende Gruppen mit ihren Angeboten aktiv auf der suche nach Räumlichkeiten auf die Besetzung zukamen, spricht Bände darüber, wie dringend diese Orte gebraucht werden. Es zeigt auch auf wie das Land als Kulturbeauftragte versagt. Versagt den Menschen Räume zur Verfügung zu stellen in denen sie sich begegnen und zusammensein können. Versagt besonders junge Künstlerinnen und Musikerinnen vor Verdrängung zu schützen. Versagt und dann aber, wenn die Zivilgesellschaft aufhört zu betteln und anfängt sich diese blühenden Orte selbst zu nehmen, sie kriminalisiert und rausschmeißen lässt.

Die Dondorf Druckerei ist gerade mal 15 Minuten Laufweg entfernt von der Eppsteiner Straße 47. Das Haus im Westend sollte Anfang der 70er niedergerissen werden um platz für Büros und Bankentürme zu schaffen. Das das nicht im Interesse der Frankfurter Zivilgesellschaft ist zeigt sich aller spätestens am 19. September 1970. Die Eppsteiner Straße 47 wird an jenem Abend besetzt und wird somit die erste Hausbesetzung der BRD. Die Aktion erregte große Aufmerksamkeit und vor allem großen Zuspruch aus der Bevölkerung. Auch viele Medien und sogar Politikerinnen äußerten sich dazu positiv. Eine im Jahr zuvor gegen die Zerstörung des Westends gegründete Bürgerinitiative solidarisierte sich mit den Besetzerinnen. Das Haus war lange ein Symbol gegen die Verdrängung der Bewohnerinnen bevor es legalisiert und zu einem regulären Mietshaus wurde. Bis auf die Funktionen der Gebäude und die 55 Jahre Zeitunterschied sind die Geschichten der Dondorf
Druckerei und der Eppsteiner Straße 47 eigentlich gleich. Da gilt es sich schon zu fragen, ob seitens derjenigen, die die Entscheidungsmacht über die Orte unserer Stadt haben, aus dem letzten halben Jahrhundert einfach überhaupt nichts gelernt haben. Aber viel eher als Ignoranz ist es das für sie Geld immer noch lauter spricht als die klaren Worte der Stadtgesellschaft.

Wann wird endlich zugehört wenn sich Bürger*innen in Initiativen und Protesten zusammentun? Wann wird die Antwort darauf, dass Menschen sich ihre eigene Stadt zurücknehmen nicht mehr Gewalt und Strafe sein? Wann wird realisiert das Kultur- und Freiräume für alle mehr wert sind als die Banken- und Bürotürme für die sie geplättet werden? Bis das endlich der Fall ist, werden Menschen weiterkämpfen. Sich organisieren, um das zu holen was ihnen zusteht.


Für eine Stadt der bunten und vielen. Für eine Stadt von unten. Für eine Stadt für alle. Für die Utopie im jetzt. Für das gute Leben.